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Aktuelle Seite: 100 Jahre – und kein bisschen alt!
0238 | 2. OKTOBER 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

100 Jahre – und kein bisschen alt!

Im Schuljahr 1926/27 wird der Unterricht in der Zweiten Wiener Zentralberufsschule in der Hütteldorfer Straße aufgenommen. 

Eine erste Wiener gewerbliche Fortbildungsschule wird ab 1909, also noch während der Monarchie, nach Plänen des Staatsgewerbeschuldirektors Rudolf Hammel an der Linken Wienzeile auf dem Areal des früheren Gumpendorfer Schlachthauses errichtet. Später entstehen auf dem riesigen Baugrund noch der Werkstättenhof (1908), die Mariahilfer Feuerhauptwache (1912–1914) und der Leuthnerhof (1931/32).

Das auch „Mollardschule" genannte Institut ist für Lehrlinge aller 33 metallverarbeitenden Branchen bestimmt und soll die gewerbliche Jugend parallel zu deren praktischer Ausbildung auch theoretisch auf das Berufsleben vorbereiten. Diese „Erste Wiener gewerbliche Fortbildungsschule" nimmt im Herbst 1911 den Schulbetrieb auf.

Die modernste Schule Europas

Im Roten Wien erhält die Stadt eine zweitegewerbliche Fortbildungsschule. Sie entsteht auf jenem Grundstück, das nach der Auflassung des Schmelzer Friedhofs, des größten der von Kaiser Josef II. eingerichteten Kommunalfriedhöfe, auf dem 1848 blutige Kämpfe zwischen Mobilgardisten und kaiserlichen Truppen stattfanden, zur Verbauung frei geworden war. Heute befinden sich hier auch der Märzpark und die Wiener Stadthalle.

In der Rekordzeit von nur 15 Monaten errichten die Architekten Josej Hofbauer und Wilhelm Baumgarten in den Jahren 1925/26 das neue Schulgebäude. Es ist eines der größten Schulbauprojekte in der Geschichte der Stadt – auf einer Fläche von 13.000 m2 sind 8.000 m2 verbaut – und zum Zeitpunkt seiner Errichtung das modernste Schulgebäude seiner Art in Europa.

176 Klassen für über 5.000 Schüler

Die Schule, an der bis zu 5.000 Schüler gleichzeitig unterrichtet werden können, ist ursprünglich v.a. für die holzverarbeitenden Gewerbe – Tischler, Zimmerer, Wagner, Fassbinder, Klavierbauer oder Drechsler – gedacht, allerdings sind von Anfang an auch andere Gewerbe wie Dachdecker, Industriemaler, Keramiker, Lithographen, Stein-, Licht- und Kupferdrucker sowie Vergolder in insgesamt 13 Fachschulen vertreten. Im Westtrakt befindet sich darüber hinaus eine Bundeslehranstalt für „Frauenberufe“.

Nach Fertigstellung des zweiten Bauabschnitts im Jahr 1927 beherbergt das neue Haus nicht weniger als 19 gewerbliche Fachschulen mit 176 Klassen für 5.330 Lehrlinge. Die Tischler bilden mit 2.450 Schülern die mit Abstand größte Gruppe unter den Lehrberufen, gefolgt von den Kleidermachern.

Außerdem sind dem Baukomplex ein gut ausgestattetes, fünfgeschossiges Lehrlingsheim für 96 Lehrlinge, eine eigene Schulküche, Speiseräume für Schüler und Lehrer sowie Erholungsräume angeschlossen. Weiters verfügt die Schule über eine große Aula, einen 350 Personen fassenden Festsaal, einen Ausstellungssaal, eine Bibliothek, sechs Lehrerzimmer, 13 Vortrags- und 20 Zeichensäle sowie eigene Physik-, Chemie- und Musiksäle.

Zweckmäßig und schön!

Das Gebäude der Zweiten Wiener Gewerblichen Fortbildungsschule ist auch reich mit Kunstwerken ausgestattet. Gleich beim Haupteingang befinden sich zwei keramische Halbreliefs mit der Darstellung von Handwerksberufen. Im Schulhof fällt der Blick auf den Brunnen mit der 1927 entstandenen Bronzefigur „Jüngling mit dem Hammer“ des österreichischen Bildhauers und Medailleurs Otto Hofner (1879–1946), der auch die Bronzeskulptur „Der Sämann“ im Karl-Marx-Hof geschaffen hat.

Weitere Kunstwerke finden sich an der Fassade entlang der Märzstraße. Die Steinfigur „Herkules“ ist ein Werk des 1942 im Getto Izbica im heutigen Polen ermordeten BildhauersSiegfried Bauer (1880–1942). Die Wände des Festsaals sind mit 14 Gemälden des Malers Ferdinand Kitt (1887–1961) geschmückt, die verschiedene Lehrberufe darstellen.

Im November 1944 wird das Schulgebäude durch Fliegerbomben schwer beschädigt und kann nach umfassender Renovierung am 30. Oktober 1951 wieder in Betrieb genommen werden.

Insgesamt haben im Laufe der Jahrzehnte mehr als 120.000 Jugendliche die Zweite Zentralberufsschule besucht und wurden hier zu Tischlern, Damenschneidern, Graphikern, Anstreichern, Zimmerern, Fassbindern, Dachdeckern, Drechslern usw. ausgebildet. Gegenwärtig sind in dem Gebäudekomplex die Berufsschulen für Holzbearbeitung und Musikinstrumentenerzeugung, für Chemie, Grafik und gestaltende Berufe, für Handel und Reisen sowie für Maler und Kunstgewerbe untergebracht.

Die Zweite Wiener Zentralberufsschule zählt neben den großen Wohnhausanlagen des Roten Wien zu den markantesten öffentlichen Bauwerken der 1920er-Jahre.