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0239 | 6. OKTOBER 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Auf uns kommt's an!

Am 6. Oktober 1936 findet im Theater „Literatur am Naschmarkt“ die Uraufführung des Stücks „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“ statt; als Autor firmiert ein gewisser „Walter West“.

Es ist Jura Soyfers zweites Stück, das die drängendsten Probleme seiner Zeit thematisiert – Arbeitslosigkeit, die Rasanz des technischen Fortschritts und eine Medienlandschaft, die die Menschen überfordert.

Protagonist des Geschehens ist der Langzeitarbeitslose Edi, der in einer Schuhfabrik tätig war, bevor er wegen der elektrischen Schuhfabrikationsmaschine „Pepi“, die in der Stunde vierzig Mal soviel produzieren kann wie er, seine Stelle verliert. Begleitet wird er von seiner Freundin Fritzi, die gelegentlich in einer Kaffeehausküche aushilft. Dritter im Bunde ist die Maschine „Pepi“, die mittlerweile ebenfalls „abgebaut“ worden ist. „Pepi“ weiß um die Ursache des ganzen Malheurs: Hätte Luigi Galvani die Elektrizität nicht entdeckt, dann wäre es auch nicht zur Automatisierung der Arbeit gekommen – und dann gäbe es auch keine Arbeitslosen.

Gemeinsam begeben sich die drei auf ein Zeitreise zu den „Sternstunden der Menschheit“, um die Schuldigen für das Elend aufzuspüren und den „Fortschritt“, der dafür verantwortlich ist, im entscheidenden Augenblick zu stoppen.

Reise rückwärts

Auf ihrer fantastischen Reise treffen sie auf historische Persönlichkeiten wie Luigi Galvani (1737–1798), den „Entdecker“ der Elektrizität, Galileo Galilei (1564–1641), den Begründer der exakten Naturwissenschaften, Christoph Kolumbus (um 1451–1506), den „Entdecker“ Amerikas, und Johannes Gutenberg (um 1400–1468), den Erfinder des Buchdrucks. Jedem dieser Herren halten sie die üblen Auswirkungen ihrer Entdeckungen und Erfindungen unter die Nase.

Galvani: Wenn ich die Elektrizität nicht erfind, erfindet sie der Kollege Volta! Oder ein anderer. […] Die Theorie liegt in der Luft.

Pepi: No, laßts es liegen!

Galvani: Nicht zu machen. Kein Akademiker läßt sich das freie Denken verbieten.

Und sie bewegt sich doch!

Galileo Galilei ist der nächste. Er steckt noch mitten in seinem Gerichtsprozess und beharrt darauf „Und sie bewegt sich doch!“. Galilei schickt sie weiter zu Kolumbus. Doch dieser will auf seine „Entdeckungen“ ebenfalls nicht verzichten.

Kolumbus: Nur irgendwas! Wir zählen doch 1492! Wie soll man wissen, daß das Mittelalter aufhört, wenn ich nix entdeck?

Pepi: Bildens Ihnen nix ein. Das Mittelalter hört no lang net auf.

Kolumbus: Aber das hilft doch alles nichts. Wenn ich's nicht entdeck, so findt's halt wer anderer. […] Und außerdem: Ja, wenn der Buchdruck nicht erfunden worden wär…

Nebenbei eine Medienschelte

Johannes Gutenberg ist gerade dabei, den Buchdruck zu entwickeln. Edi reicht ihm ein Exemplar der Nachtausgabe des „Telegraf“, eines berüchtigten Wiener Boulevardblattes, voll mit Sensationsmeldungen. Da lesens aber vorher gschwind noch diese Druckschrift. Gutenberg liest und sinkt wie von der Tarantel gestochen auf einen Sessel:

Gesellen, schweißt die Lettern ein,
Ich lasse das Erfinden sein.
Bewahr uns Gott vor Teufelswerk.
Dies wünscht euch Johann Gutenberg.

Soyfer, der immer auch tagesaktuelle Bezüge und Seitenhiebe in seine Stücke einbaut, lässt Edi noch sagen: Bravo! Dabei hat er nix gelesen wie nur den Fernspruch des Pariser Sonderkorrespondenten!

I bin a Mensch.

Schlussendlich landen die Zeitreisenden im Paradies, wo man gerade dabei ist, Adam und Eva zu erschaffen. Der sehr arrogante Portier fragt Edi, wer er sei und was er wolle.

Edi: Bittschön, könnt i net zur Direktion vorgelassen wem?

Portier: Die Direktion hat zu tun. Man ist gerade dabei, den Menschen zu konstruieren. Alle Gänge san voller Lehmpatzen. Die Nervosität is net zum Beschreiben. Höheren Orts scheint noch die entscheidende Idee zu fehlen. Sozusagen das letzte Tipferl auf dem „i“. Etwas, was den Menschen unterscheiden tut von allen Tieren, die wir kennen...

Edi drängt jedoch darauf, dass er ein Gesuch vorbringen wolle. Es ist Soyfers „Moritat im Paradies“:

Greif, o Herr, nicht in den Lehm,
Den Du Adam willst benennen.
Was Du schaffst, wirst Du, nachdem
Du es schufst, nicht mehr erkennen.

[…]

(Ein Arbeitsloser geht über die Bühne.)

Sieh den Menschen in der Not,
Weggeworfen und vergessen!
Gilt für ihn noch Dein Gebot:
Arbeit um Dein täglich Essen?

[…]

(Ein Mann mit Gasmaske geht über die Bühne.)

Sieh den Menschen vor dem Tod,
Selbst als Mörder ohne Milde!
Ist's noch der, den Dein Gebot
Schuf nach Deinem Ebenbilde?

Greif, o Herr, den Lehm nicht an!
Schlag Dich nicht mit eignen Waffen!
Oder wenn Du's schon getan,
Mach ihn wieder ungeschaffen!

Edi muss erkennen, dass der eigentliche Ursprung allen Übels, der Mensch selbst, nicht ungeschehen zu machen ist. Und, dass es nur an ihm liegt, eine bessere Zukunft zu gestalten: „Auf uns kommt's an!“ Soyfers Stück ist demnach keine Absage an den Fortschritt, sondern bloß die Forderung nach dessen Humanisierung. Ende.