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0241 | 23. OKTOBER 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Aus Friedhöfen werden Parks

Am 23. Oktober 1926 werden zwei frühere „Leichenhöfe“ offiziell in Park- und Sportanlagen umgewandelt.

Reformen und Revolutionen kommen in Österreich immer „von oben“. 1782 verfügt Kaiser Joseph II. aus „hygienischen Gründen“ die Schließung aller Friedhöfe innerhalb des Linienwalls, also des heutigen Gürtels. Viele Freunde macht sich der Monarch mit solch drastischen Maßnahmen nicht. Die Widerstände gegen die kaiserlichen Anweisungen über die „Eingrabung ohne Gepränge“, die Wiederverwendung der „Todtentruhen“ und die Errichtung von anonymen Schachtgräbem sind so groß, dass einige Maßnahmen schon im darauffolgenden Jahr wieder zurückgenommen werden müssen. Prominentestes „Opfer“ der josephinischen Begräbnisreform ist Wolfgang Amadeus Mozart, dessen Grab am St. Marxer Friedhof unauffindbar bleibt.

Als Ersatz für die alten Pfarrfriedhöfe werden außerhalb der Vorstädte fünf „communale Friedhöfe“ errichtet – der Friedhof Sankt Marx, der Währinger, der Schmelzer, der Matzleinsdorfer und der Hundsturmer Friedhof.

Ein Schädel verschwindet

Die prominenteste, am Hundsturmer Friedhof beerdigte Persönlichkeit ist der Komponist Joseph Haydn, der am 31. Mai 1809 in seinem Gumpendorfer Haus verstirbt und bereits am nächsten Tag ohne große Zeremonie beigesetzt wird. Die Wiener plagen andere Sorgen – Napoleon ist in der Stadt. Haydns Überreste werden 1820 exhumiert und nach Eisenstadt überführt. Dabei bemerkt man das Fehlen des Schädels, der bereits kurz nach der Beerdigung von Anhängern der Gall’schen „Schädellehre“ aus dem Grab gestohlen worden war.

Die josephinischen Friedhöfe platzen bald aus allen Nähten. Nach der Eröffnung des neuen Zentralfriedhofs in Simmering im Jahr 1874 werden die „communalen Friedhöfe“ stillgelegt. Durch die Schleifung des Linienwalls in den 1890er-Jahren dringt die unaufhörlich wachsende Stadt in die bisherigen Vororte vor und plötzlich liegen die alten Friedhöfe wieder inmitten des Siedlungsgebiets.

Vollendet ist das große Werk

Im Zuge der Errichtung des Reumannhofs und anderer großer Gemeindebauten an der „Ringstraße des Proletariats“ gerät der frühere Hundsturmer Friedhof am Margaretengürtel in den Fokus des Interesses. Die Toten werden exhumiert, der ehemalige Friedhof in eine nach Josef Haydn benannte Parkanlage umgewandelt. Auf dem Areal entsteht auch eine rund 7.500 Quadratmeter große Turn- und Sportanlage und ein heute nicht mehr existierendes Kinderfreibad.

Vom alten Friedhof ist nur der Grabstein Haydns mit der lateinischen Inschrift Non Omnis Moriar („Nicht ganz werde ich sterben“) erhalten geblieben. Eine wenige Jahre später auf der Meidlinger Seite des Gürtels errichtete Wohnhausanlage wird ebenfalls nach dem Komponisten benannt.

Zur feierlichen Eröffnung des Parks lässt sich Bürgermeister Karl Seitz vom Amtsführenden Stadtrat für Technische Angelegenheiten Franz Siegel vertreten. In Gedenken an den namensgebenden Komponisten stimmt der Gesangverein Freie Typographia unter Leitung von Heinrich Schoof den Chor „Vollendet ist das große Werk“ aus der „Schöpfung“ an.

Im Anschluss daran zieht der Tross weiter zum bereits bestehenden Währingerpark, um dort einen neuen Turn- und Sportplatz zu eröffnen.

Unter möglichster Schonung des Baumbestandes

Auch der Währinger Park geht auf einen, allerdings etwas größer dimensionierten „communalen Friedhof“ zurück, der bereits 1923 als erster der josephinischen „Leichenhöfe“ in eine Parkanlage umgewandelt worden war. Im Rahmen der Eröffnung des 48.299 Quadratmeter großen Parks pflanzt Bürgermeister Jakob Reumann auch eine Eiche.

Für die Gestaltung der meisten im Roten Wien errichteten Parkanlagen zeichnet Stadtgartendirektor Fritz Kratochwjle verantwortlich, der auch hier „unter möglichster Schonung des vorhandenen Baumbestandes“ vorgegangen ist. 58 historisch und kulturgeschichtlich interessante Grabsteine sind bis heute in einem kleinen Gräberhain erhalten.

Kratochwjles 1931 in seinem Buch „Die städtischen Gärten Wiens“ publiziertes Credo lautet – ganz im Sinne des Gesundheitsstadtrates Julius Tandler –, dass die neugeschaffenen Freiflächen „der Ruhe und Erholung dienen, aber auch zur freien körperlichen Betätigung in Spiel und Sport Gelegenheit bieten“ sollen.

Doch kein „Robert-Blum-Park“

Ursprünglich war geplant gewesen, die neu geschaffene Parkanlage „Robert-Blum-Park“ zu benennen, um an den am 9. November 1848 in der Brigittenau hingerichteten und in einem Schachtgrab im Währinger Friedhof bestatteten Abgeordneten des Frankfurter Parlaments zu erinnern. Anlässlich des 75-jährigen Gedenkens an die Opfer des Revolutionsjahres wird deshalb ein Gedenkstein für Robert Blum und die ebenfalls in einem Massengrab bestatteten Revolutionäre Hermann Jellinek, Alfred Becher und Wenzel Messenhauser errichtet.

1924 erfolgt dann die offizielle Benennung der Anlage in Währinger Park. Die Bezeichnung Robert-Blum-Park findet sich gelegentlich noch bis 1934. Im Ständestaat und in der NS-Zeit soll die Erinnerung an die Revolution von 1848 ohnedies ausgelöscht werden; die Inschriftentafel wird deshalb entfernt. Anlässlich des 100-jährigen Gedenkens an die Revolution von 1848 wird am 9. November 1948 eine neue Inschriftentafel am Gedenkstein angebracht.

Literatur: Werner T. Bauer, Wiener Friedhofsführer. Genaue Beschreibung sämtlicher Begräbnisstätten nebst einer Geschichte des Wiener Bestattungswesens, 2004; Günther Berger, Joseph Franz Haydns unruhiger Ruheort am Hundsturmer Friedhof. In: Wiener Geschichtsblätter, Band 46,1991; Hans Werner Bousska, Der Hundsturmer Friedhof und Joseph Haydns unruhige Ruhestätte am Hundsturmer Friedhof. In: Blätter des Meidlinger Bezirksmuseums, 2009; Ludwig Varga, Friedhöfe in Meidling – Geschichte der sechs Friedhöfe auf dem Gebiet des 12. Wiener Gemeindebezirks, Blätter des Meidlinger Bezirksmuseums, 2017.