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Aktuelle Seite: Das Neue, noch nicht Dagewesene
0240 | 17. OKTOBER 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Das Neue, noch nicht Dagewesene


Am 17. Oktober 1931 erscheint in der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift Die Unzufriedene ein ausführlicher Artikel zum Thema „Kinderbibliotheken“.

Der Verfasser, Wilhelm Reimer, zitiert eingangs die Worte Max Adlers aus dessen Buch „Neue Menschen“: In den Kindern soll sich nicht das Alte, sondern das Neue, das noch nicht Dagewesene erzeugen: nur so kommt die Welt weiter.

Erste Kinderbibliotheken entstehen in Wien bereits vor dem Weltkrieg. Die 1908 gegründeten Kinderfreunde sind Vorreiter, und hier wiederum deren Mitbegründer und späterer Bundesobmann Max Winter, dem es mit seiner sehr erfolgreichen Aktion „Mühlstein“ gelingt, Geld für die Errichtung von Kinderbibliotheken in ganz Österreich zu sammeln. Der Name ist eine Replik auf den Franziskanerpater Zyrill Fischer, der 1926 seiner Streitschrift „Sozialistische Erziehung“ das Bibelwort „Wer aber einem dieser Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, dem wäre es besser, es würde ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in die Tiefen des Meeres versenkt“ voranstellt. Ein Jahr später sind bereits 119 „Mühlstein­büchereien“ eingerichtet, schluss­endlich werden es über 400 sein.

Auch zahlreiche in der Arbeiterbildungsbewegung tätige Pioniere, wie Josef Luitpold Stern, Robert Danneberg, der 1913 ermordete Franz Schuhmeier und der viel zu früh verstorbene Leopold Winarsky haben schon lange vor dem Krieg auf die Notwendigkeit der Errichtung solcher Bibliotheken hingewiesen. Winarskys Wirken in der Brigittenau ist es auch zu verdanken, dass hier eine erste, der Erwachsenenbibliothek angeschlossene Jugend­bibliothek gegründet wird.

Den Kindern das Beste!

Im Roten Wien werden diese Initiativen zusammengeführt und es entstehen, immer im Verbund mit den von der Zentralstelle für das Bildungswesen in den neuen Wohnbauten eingerichteten Arbeiterbüchereien, zahlreiche neue Kinder- und Jugendbibliotheken, die auch begeistert besucht werden. 1925 klagen die Hernalser Kinder, dass ihre vor zwei Jahren eingerichtete Bibliothek bereits viel zu klein sei, „wo wir 600 Leser sind und nur 1.000 Bücher zur Verfügung haben.“

Die 1927 eröffnete Meidlinger Arbeiterkinderbibliothek ist im Fuchsenfeldhof untergebracht, ihre Einrichtung ist ein Werk des bekannten Architekten Ernst Lichtblau. „Die Bücherei“, schreibt die Arbeiter-Zeitung, „vermittelt schon in ihrem Äußeren Schönheit.“ Da ist sie wieder, Victor Adlers Forderung nach dem „Recht der Arbeiter auf Schönheit“! Die Tischlerarbeiten werden übrigens von Holzarbeitern in ihrer Freizeit unentgeltlich ausgeführt.

So ein Bub leiht sich ein Buch aus, setzt sich auf die Stufen des Bibliotheks­aufganges, liest sein Buch, und bevor die Bibliothek gesperrt wird, hat er sein Buch ausgelesen und verlangt ein neues!

1929 entlehnen die Meidlinger Kinder 13.945 Bücher, im ersten Halbjahr 1931 sind es bereits über 11.000.

Neue Bücher braucht es

Schon damals spricht Josef Luitpold Stern das Problem der Bücherbeschaffung an. „Was geben wir dem Kinde zu lesen?“ fragt er. Denn schließlich würden die Kinder und Jugendlichen heute vieles in die Hände bekommen, was früher erst Erwachsene gelesen hätten.

Was es jetzt noch brauche, fordert Wilhelm Reimer, sei, dass noch weit mehr von „sozialistischem Geist“ erfüllte Schriftsteller, Dichter und Maler Bücher für Kinder schreiben und illustrieren. Denn nur wenn wir das Neue, das noch nie Dagewesene erzeugten, komme die Welt voran!