
Am 11. Dezember 1886 erscheint die „Probenummer“ von Victor Adlers „Sozial-demokratischem Wochenblatt“ Gleichheit.
Eine erste Zeitung mit dem Namen „Gleichheit – Sozialdemokratisches Organ für die Interessen des arbeitenden Volkes“ wird am 12. Januar 1870 in Wiener Neustadt als Lokalblatt gegründet. Diese erste Ausgabe bleibt eine Eintagsfliege. Ab 1. Dezember 1870 erscheint die Wiener Neustädter Gleichheit, wieder bei Nummer eins beginnend, im Zweiwochentakt. Ihre Ausrichtung ist liberal-demokratisch und antiklerikal. Ab 1. Juli 1872 ändert sich die Blattlinie und wird dezidiert sozialdemokratisch.
… das gefürchtete radikale, das roteste aller roten Organe. Karl Höger, Arbeiterkalender 1878
Mit dem Wechsel Andreas Scheus zur Wiener Neustädter Gleichheit im Mai 1873 steigt auch deren Auflage. Nach dem „geheimen“ Parteitag von Neudörfl, an dessen Organisation Scheu federführend beteiligt ist, wird die Gleichheit zum „Organ der sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Oesterreich“ und bildet ein Gegengewicht zu den „gemäßigten“ Blättern Volkswille, Die Zeit und Agitator, allesamt herausgegeben von Scheus Gegenspieler Heinrich Oberwinder.
Die erste Sozialdemokratische Partei des Landes geht allerdings in den folgenden Jahren in endlosen internen Streitigkeiten und erbitterten Richtungskämpfen unter. Im Juni 1874 emigriert Andreas Scheu nach England, die Wiener Neustädter Gleichheit wird unter wechselnden Herausgebern vorerst weitergeführt.

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Andreas und Heinrich Scheu
1877 kommt es zur Aussöhnung der „Radikalen“ mit Heinrich Oberwinders „gemäßigtem“ Arbeiterverein, und die Wiener Neustädter Gleichheit avanciert vorübergehend zum Organ der gesamten Bewegung. Noch im selben Jahr werden sowohl der Agitator als auch die Gleichheit eingestellt und vom Sozialist, dem „Zentral-Organ der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Oesterreichs“ abgelöst. Der Sozialist, in dem der Theoretiker Karl Kautsky unter dem Pseudonym Symmachos schreibt, geht 1879 an Abnehmermangel zugrunde; die Leser werden an den Reichenberger Volksfreund verwiesen.
Ende 1886 steigt der Arzt und spätere „Gründervater“ der Sozialdemokratischen ArbeiterparteiVictor Adler (1852–1918) ins Zeitungsgeschäft ein. Adler, der nach dem Tod seines Vaters einen erheblichen Geldbetrag erbt, setzt einen bedeutenden Teil seines neuen Vermögens für politische Aktivitäten ein.
Adler ist journalistisch zwar völlig unerfahren, doch der Kreis der Autoren und Autorinnen kann sich sehen lassen. Aufgrund seiner guten Kontakte kann er führende Linke wie Friedrich Engels, August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Clara Zetkin, Karl Kautsky, Eduard Bernstein, Paul Axelrod, seinen Schwager Heinrich Braun, den Dichter Hermann Bahr und die Brüder Scheu als Autoren und Autorinnen gewinnen.
In einem ersten Schritt lässt er die Zeitung mit dem Kopf der alten Wiener-Neustädter Gleichheit wiederaufleben. In der „Probenummer“ heißt es: In Oesterreich, besonders in Wien unter dem Ausnahmszustand [sic!] ein Blatt herauszugeben, welches auf dem Standpunkte der sozialdemokratischen Arbeiterpartei steht, ist bekanntlich keine leichte Aufgabe. […] Der Arbeiterschaft ohne Rücksicht auf Fraktionsunterschiede eine nun in Wien schon lange und schwer entbehrte Waffe im Kampfe für ihr gutes Recht und die von ihr erkannte Wahrheit zuzuführen, ist die offene Ansicht und der einzige Zweck dieses Unternehmens.

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Victor Adler
Die neue Gleichheit versteht sich als überfraktionell, erscheint immer samstags, und ist einer Tageszeitung bereits sehr ähnlich.
Berühmt wird die Gleichheit für ihre sozial engagierten Reportagen. Ab dem 1. Dezember 1888 veröffentlicht Victor Adler unter dem Titel „Die Lage der Ziegelarbeiter“ eine Artikelreihe, die reichlich Staub aufwirbelt.
Der Autor ist niemand Geringerer als Victor Adler selbst, der von einem Ziegelarbeiter auf das hermetisch abgeschlossene Werksgelände der Ziegelfabrik am Wienerberg einschleust wurde und mit eigenen Augen die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen sowie die brutale Ausbeutung der zumeist tschechischen Arbeiter und deren Familien, der sogenannten Ziegelböhm, beobachten konnte.
Die Wienerberger Ziegel-Fabrik- und Bau-Gesellschaft zahlt ihren Aktionären recht fette Dividenden.
In seinen Artikeln prangert Adler vor allem das seit 1885 ausdrücklich verbotene „Trucksystem“ an. „To truck“ bedeutet soviel wie „eintauschen“undbezeichnet eigentlich die Entlohnung von Arbeitern durch Waren. Im konkreten Fall werdendie ohnedies schlecht bezahlten Arbeiter weder mit Geld noch mit Waren entlohnt, sondern erhalten wertlose Blechmarken, die sie nur bei einem bestimmten Kantinenwirt einlösen können, der dadurch eine Monopolstellung besitzt und weit überhöhte Preise verlangen kann.
Nun denn, diese armen Ziegelarbeiter sind die ärmsten Sklaven, welche die Sonne bescheint. Die blutige Ausbeutung dieser elendsten aller Proletarier wird durch das verbrecherische, vom Gesetz ausdrücklich verbotene Trucksystem, die Blechwirtschaft, in unbedingte Abhängigkeit verwandelt. […] Dieses ‚Blech’ wird nur in den den einzelnen Partien zugewiesenen Kantinen angenommen, so daß der Arbeiter nicht nur aus dem Werke nicht herauskann, weil er kein ‚gutes Geld’ hat, sondern auch innerhalb des Werkes ist jeder einem besonderen Kantinenwirt als Bewucherungsobjekt zugewiesen. Die Preise in diesen Kantinen sind bedeutend höher als in dem Orte Inzersdorf […], die Qualität der Nahrung ist natürlich die denkbar elendste. Im Gefühle seiner Macht sagte ein Wirt einem Arbeiter, der sich beklagte: ‚Und wenn ich in die Schüssel sch…, müßt Ihr’s auch fressen.’ Und der Mann hat recht, sie müssen.
Die aufsehenerregende Reportage erreicht zweierlei: Das Gewerbeinspektorat inspiziert die Wienerberger Ziegelwerke und untersagt u.a. die weitere Anwendung des Trucksystems; Victor Adler und zwei Ziegelarbeiter werden wegen „unbefugter Verbreitung der Gleichheit“ zu Geldstrafen verurteilt.