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Aktuelle Seite: Der Blutsonntag
0236 | 17. SEPTEMBER 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Der Blutsonntag

„Gestern hatte Wien einen blutigen Sonntag; gestern hat sich in den Straßen unserer Stadt etwas zugetragen, was seit Menschendenken nicht geschehen ist“, schreibt die Neue Freie Presse am 18. September 1911 in ihrem Aufmacher.

Tags zuvor war es auf der Wiener Ringstraße und vor dem Rathaus zu einer Massenkundgebung gekommen, an der laut Polizeibericht etwa 36.000 Menschen teilgenommen hatten. Das Resultat: vier Tote und mehr als 100 Verletzte.

Missernten und hohe Weltmarktpreise führen in den Jahren 1909 und 1910 zu enormen Preissteigerungen bei Brot und anderen Nahrungsmitteln. Der Mehlpreis hatte sich beinahe verdoppelt und Fleisch war für die arbeitenden Menschen ohnehin unerschwinglich. Als sich die Krise im Spätsommer 1911 weiter verschärft, gehen die Menschen auf die Straße…

Von mehreren Tribünen aus sprechen sozialdemokratische Führer – u.a. Franz Schuhmeier und Albert Sever –, aber auch Gewerkschaftsfunktionäre und Delegierte aus anderen Teilen der Monarchie zu der mehrere Zehntausend Personen zählenden Menge. Die Kundgebung verläuft in völliger Ruhe und Ordnung. Als sich die einzelnen Bezirkszüge gegen 13 Uhr zum Abmarsch bereit machen, wird die Ordnungsmacht, die mit einem großen Aufgebot zur Stelle ist, zusehends nervös – neben der Polizei zernieren eine Division Kavallerieeinheiten (Dragoner, Ulanen und Husaren) sowie mehrere Bataillone ungarischer und bosniakischer Infanterie die Innenstadt.

Es fällt ein Schuss

Als vor dem späteren Gebäude des Stadtschulrates, damals Sitz des Verwaltungsgerichtshofes, ein Schuss fällt – wer ihn abgefeuert hat, kann niemals geklärt werden – bricht Panik aus. Fensterscheiben gehen zu Bruch und die Polizei drängt die Menge in die Burggasse und die Lerchenfelder Straße, dann weiter in die Thaliastraße Richtung Ottakring. Dort errichten die Demonstranten erste Barrikaden und verwüsten mehrere Amtsgebäude Es gibt die ersten Verletzten.

Das weitere Geschehen schildert der Ottakringer Funktionär Albert Sever anlässlich des 20. Jahrestages der Unruhen in der Arbeiter-Zeitung vom 13. September 1931.

Die Gablenzgasse herauf werden die Genossen verfolgt, die Umgebung des Arbeiterheimes ist voll vom Militär. Zur Verstärkung wurde aus der Radetzkykaserne eine Kompagnie des polnischen Militärregiments Nr. 24 herangezogen. Der erste Verletzte, der ins Arbeiterheim gebracht wurde, war der Genosse Afra mit einem Lungendurchschuß. Albert Sever, 1931

Es ist das erste Mal seit dem Oktoberaufstand 1848, dass in Wien wieder auf Demonstranten geschossen wird.

Erste Tote

„Eben als die Kompagnie des Infanterieregiments Nr. 24 gegen das Arbeiterheim heranrückte, ging der Genosse Otto Prötzenberger über den unverbauten Platz gegenüber dem Arbeiterheim. Er wurde von den Soldaten erreicht, ein Bajonettstich brachte ihn zum Wanken. […] In wenigen Minuten war er tot. Es galt nun, um die Menge nicht weiter aufzureizen, den Tod Prötzenbergers zu verschweigen […], sonst wären die Arbeiter wohl kaum zu halten gewesen.“

„Der nächste Blutzeuge war der Genosse Joachimsthaler, der einen Bauchschuß erhielt […]. Drei Tage später ist er gestorben.“

„Ganz unbeteiligt kam Franz Wögerbauer zu einem Säbelhieb. Er kam aus dem Gasthof Lederer in der Herbststraße, als eine Kavalleriepatrouille über die Straße sprengte und einer der Reiter, die blind um sich schlugen, ihm mit einem Hieb den Kopf spaltete. Nach furchtbaren Qualen ist er acht Tage später gestorben“, schildert Albert Sever weiter.

Zu den Demonstranten gesellen sich nun „Lumpenproletarier“ und die in Banden organisierte „Ottakringer Elendsjugend“, die massive Zerstörungen anrichten, Geschäfte plündern, Brände legen, die Schokoladefabrik Manner attackieren und sogar Straßenbahnwaggons umwerfen. Über Ottakring, das einem Kriegsschauplatz gleicht, wird der Ausnahmezustand verhängt. Die Straßenkämpfe dauern bis zum späten Abend an, dann besetzen Polizei und Militär den Bezirk.

„Noch in der Nacht wurde eine Sitzung der Parteileitung abgehalten. In der Früh des Montag mußten wir in die größeren Betriebe, um die Vertrauensmänner zu beschwören, daß sie die Arbeiter in den Betrieben halten, damit nicht noch größeres Unglück geschehe.“

Klassenjustiz

Insgesamt werden fast 500 Personen verhaftet. Die Staatsanwälte sind vom Justizminister persönlich angewiesen, in Schnellverfahren hohe Strafanträge zu stellen. Nach einem Monat sind bereits 82 Personen zu Kerker oder schwerem Kerker, 91 Personen zu Arrest oder strengem Arrest verurteilt.

Ein bezeichnendes Beispiel für die Unverhältnismäßigkeit der Strafen ist der Prozess gegen Karl Nowak, dem zur Last gelegt wird, die folgenden Worte an das bosnische Infanterie-Regiment gerichtet zu haben: „Wenn Ihr gescheite Leut’ seids, so schießt Ihr, wenn ‚schießen‘ kommandiert wird, nicht auf uns, sondern in die Luft!“. Nowak wird wegen Verleitung zur Verletzung des Gehorsams zu sechs Monaten schweren Kerkers verurteilt, verschärft durch einen Fasttag monatlich.

Schüsse im Parlament

Drei Wochen später, am 5. Oktober 1911, haben die Teuerungsunruhen noch ein aufsehenerregendes parlamentarisches Nachspiel. Erstredner zum Tagesordnungs­punkt „Teuerungskrawalle“ ist Victor Adler, der den Justiz­minister Viktor von Hochenburger für die Eskalation der Ereignisse verantwortlich macht. In diesem Augenblick ruft jemand von der Galerie „Hoch der Sozialismus“ – und gleichzeitig fallen mehrere Schüsse Richtung Regierungs­bank. Hochenburger und sein Ministerkollege Karl Stürgkh werden nur knapp verfehlt.

Der Täter, ein 24-jähriger arbeitsloser Tischlergeselle, kann rasch überwältigt werden. Er hatte viermal gefeuert, ehe seine Waffe Ladehemmung hatte. Ein fünftes Geschoss wird aus der Kammer geschleudert und fällt auf die Zuschauergalerie im unteren Stockwerk, direkt in den Schoß von Emma Adler, der Frau des Redners. Der Schütze wird zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und stirbt noch während der Haft.

Wolfgang Maderthaner und Lutz Musner schreiben in ihrem Werk „Die Anarchie der Vorstadt“, dass es in der Hungerrevolte um wesentlich mehr als „nur um Nahrungsmangel“ ging; erstmals artikulierte sich hier ein „breites Aufbegehren marginalisierter vorstädtischer Massen“.

Am Ottakringer Friedhof erinnert ein von der Sozialdemo­kratischen Arbeiterpartei gestiftetes Grabmonument in Gruppe 13 an die drei Opfer der Teuerungsrevolte, der Joachimsthalerplatz wird 1928 nach Franz Joachimsthaler (1892–1911) benannt, der drei Tage nach seiner Schussverletzung im Sophienspital verstirbt.

Literatur: Gegen die Teuerung! Gegen die Klassenjustiz! Der Teuerungsantrag der Sozialdemokraten. Die Urteile gegen die Teuerungsdemonstranten. Die Rede des Abgeordneten Dr. Viktor Adler am 5. Oktober 1911. Aus dem stenographischen Protokoll des Abgeordnetenhauses, 1911; Otto Bauer, Die Teuerungsrevolte in Wien. In: Die Neue Zeit. September 1911; Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner, Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900, 1999; Wolfgang Maderthaner, Siegfried Mattl: „...den Straßen­excessen ein Ende machen“. Septemberunruhen und Arbeitermassenprozeß 1911. In: Karl R. Stadler (Hrsg.): Sozialistenprozesse. Politische Justiz in Österreich. 1870–1936. 1986; Hannes Tauber, Die Teuerungsrevolte vom 17. September 1911. In: Wiener Geschichtsblätter 3 / 2011.