
Radium © Der Kuckuck, 1931
Am 12. November 1931 meldet „Das interessante Blatt“ auf der Titelseite: „Eine Zentrale gegen den Krebs. Das mit 5 Gramm (zirka 2 Mill. Schilling) dotierte Radiuminstitut der Stadt Wien.“
Ebenfalls auf der Titelseite befindet sich ein Foto von der Eröffnung dieser „für die Gesundheit der Menschheit so bedeutungsvollen Heilstätte“, die bereits am 7. Oktober stattgefunden hat, ein weiteres zeigt Stadtrat Julius Tandler inmitten des Ärztekollegiums und ein drittes die „Radiumkanone, welche eine direkte Bestrahlung mit drei Gramm Radium ermöglicht.“
Julius Tandler, der das Krankenhaus Lainz gerne als „sein Spital“ bezeichnet und hier auch häufig zu Besuch ist, lässt in den Jahren 1929 bis 1931 drei neue Abteilungen einrichten – eine für TBC, eine zweite für Stoffwechselerkrankungen und die dritte für die neue Strahlentherapie.

Stadtrat Tandler und Primararzt Dr. Schönbauer (links) mit dem Ärztestab © Das interessante Blatt, 1931
Während der Kampf gegen die Tuberkulose, den die Gemeinde Wien bereits seit mehr als zehn Jahren führt, erfolgreich verläuft, verzeichnen die Ärzte eine starke Zunahme von Krebs- sowie von Herz- und Gefäßkrankheiten. „Vom Standpunkt bevölkerungspolitischer Erwägungen“, schreibt Tandler 1933 in der „Sozialärztlichen Rundschau“, „könnte man sich noch damit abfinden, denn seine biologische Funktion hat der Mensch im Greisenalter bereits erfüllt.“ Tandler ist allerdings zu sehr Arzt und Humanist, um sich damit zufriedenzugeben. Er erkennt im Krebs den „neuen Feind“ und fordert die Errichtung von „Beratungsstellen für Geschwulstkranke“ sowie eine „nachgehende Fürsorge“.
Damit diese, sich immer weiter ausbreitende, Krankheit wirkungsvoll bekämpft werden kann, beschließt die Gemeinde Wien auf Tandlers Drängen hin, eine zentrale Station zur Behandlung des Karzinoms zu errichten. Um die geplante neue Abteilung auf das beste ausstatten zu können, besuchen Julius Tandler und Primar Leopold Schönbauer die Einrichtungen der drei größten Radiumstationen Europas in Paris, Stockholm und Hamburg. In Brüssel erwirbt Tandler schließlich 5 Gramm Radium – der damalige Weltvorrat beträgt 400 Gramm.

© Der Kuckuck, 1931
„Wie das Radium aus dem Stahlschrank genommen und transportiert wird“.
Anschließend erfolgt der Umbau des mittlerweile leerstehenden TBC-Pavillons. Der Preis für das Radium und die Anschaffung der notwendigen medizinischen Geräte, wie etwa einer „Bestrahlungskanone“, beläuft sich auf 1,9 Millionen Schilling – nach heutiger Kaufkraft über sechs Millionen Euro. Die Sonderabteilung für Strahlentherapie wird mit knapp hundert Betten ausgestattet.
Der Radiumbehandlungssaal muss aus Sicherheitsgründen mit Blei ausgekleidet werden. In der Radiumkanone sind 3.000 mg Radium enthalten, das Radium, das gerade nicht gebraucht wird, ist in einem strahlensicheren Tresor verwahrt.
Die Behandlung erfolgt durch die Radiumkanone oder durch Radiumpräparate, die in Moulagen eingebettet oder auf Nadeln aufgetragen werden.
Mit diesem neuen Institut, das den Kampf gegen den furchtbarsten Feind des modernen Menschen aufnimmt, hat die Gemeinde Wien ein großes Werk geschaffen im Dienst um die Gesundheit der Menschheit.