
Internationale Städtebau-Ausstellung im Künstlerhaus Wien, 1926 © Wien Museum Inv.-Nr. 53151/4
Am 15. September 1926 beginnt der Internationale Wohnungs- und Städtebaukongress in Wien. 1.100 Vertreter von Städten und Stadtbauämtern „aller Kulturländer der Welt“ kommen aus diesem Anlass in der Wiener Hofburg zusammen.
Die Wiener Gastgeber erwarten sich von den Fachmännern des Bauwesens jene Anerkennung, die ihnen „von den Feinden der gegenwärtigen Stadtverwaltung“ versagt bleibt. Bürgermeister Karl Seitz lädt die Teilnehmer in seiner Eröffnungsrede deshalb ein, die neuen Wohnbauten der Gemeinde zu besichtigen und mit Kritik, Anregungen und Verbesserungsvorschlägen nicht zu sparen.

Rechtzeitig zu Kongressbeginn erscheint auch der erste von insgesamt vier Bänden des „monumentalen“ Städtewerks „Das neue Wien“, in dem die Gemeindeverwaltung resümiert, „wie das neue, das proletarische, das sozialistische Wien aus jenem wüsten Trümmerhaufen des Weltkrieges zu neuem Glanze und zu neuer Größe emporgestiegen ist.“
Bereits am ersten Tag steht „die Bodenfrage“ im Mittelpunkt der Diskussionen. Die Wiener Gastgeber registrieren mit Genugtuung, dass auch von Seiten jener Redner, die sich „dagegen verwahren würden, für Sozialdemokraten gehalten zu werden“, immer wieder das Wort „Enteignung“ ins Spiel gebracht wird.
Die Gäste aus Großbritannien, aus Berlin, Warschau und Köln sind sich darin einig, „daß ohne Zwangsmaßnahmen Wohnungs- und Städtebau unmöglich“ ist. Einige Teilnehmer „aus konservativen Kreisen“ treten allerdings dafür ein, dabei auch „die erworbenen Rechte des Besitzes“ zu berücksichtigen. Die meisten stimmen jedenfalls darin überein, dass ein möglichst großer Kommunalbesitz an Boden und Bodenreserven für die Gemeinden unabdingbar sei.
Am Nachmittag kommt es bei der Frage, ob die Gemeinden in erster Linie Ein- oder Mehrfamilienhäuser bauen sollten, zu großen Meinungsverschiedenheiten. Viele ausländische Kongressteilnehmer kritisieren die neu errichteten „Mietskasernen“ der Gemeinde Wien und sprechen sich einhellig für den Flachbau in Form von Einfamilienhäusern mit Gärten zur Selbstversorgung aus.
„Die Gemeinde mußte bauen, weil kein anderer bauen konnte.“Anton Weber
Stadtbaudirektor Franz Musil erläutert die Gründe, warum Wien gezwungen sei, neben den 3.500 Siedlungswohnungen vor allem Hochbauten zu errichten. Für die Schaffung von Trabantenstädten in Flachbauweise sei nicht ausreichend Baugrund vorhanden, überdies würde der Bau von Gartenstädten mit genügend Wohnraum exorbitant hohe Erschließungskosten für die Verlegung der Kanalisations-, Wasser- und Gasleitungen sowie für die Errichtung neuer Donaubrücken und Schnellbahntrassen erfordern. Die ersten 25.000 neuen Wohnungen hätten unter diesen Voraussetzungen wohl nicht errichtet werden können.
In ihrem Bericht vom zweiten Kongresstag berichtet die Arbeiter-Zeitung von teilweise „sehr bewegten“ Debatten, zumal zahlreiche Anhänger der Gartenstadtbewegung ihren Standpunkt „mit großer Begeisterung“ vertreten würden.

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Anton Weber
In der Frage „öffentliche oder private Wohnbautätigkeit“ verteidigt Stadtrat Anton Weber die Bautätigkeit der Stadt. Durch Krieg und Inflation sei „für den privaten Wohnbau keine Möglichkeit mehr vorhanden“ gewesen. Auch der sozialdemokratische Berliner Stadtbaudirektor Martin Wagner schlägt in dieselbe Kerbe. Allerdings gelte in Berlin „in jeder Wohnung ein eigenes Bad als notwendige Voraussetzung“. Ein kleiner Seitenhieb auf das Rote Wien, das seine Gemeindewohnungen in der Regel nicht mit Bädern ausstattet.
Duca Cassarelli, ein römischer Delegierter, findet die neuen Volkswohnhäuser „zu luxuriös“, die Mietkosten zu niedrig. Dadurch würde ein ungesundes Anspruchsdenken in den Menschen gefördert und das Prinzip der Wirtschaftlichkeit missachtet.
Doch auch deutsche Kritiker wie der Stettiner Oberbaurat Dähne konzedieren, dass den Wienern etwas gelungen sei, das in Deutschland denkunmöglich wäre. Dort hätte man erst drei Jahre ausgiebig diskutiert und die Projekte schlussendlich totgeredet.
In der christlichsozialen Reichspost hingegen werden die vereinzelten kritischen Stimmen zum „fast übereinstimmenden Urteil der Fachleute aller Herren Länder“ umgedeutet, das da laute: „Billionen Steuergelder verpulvert!“
„Ich habe die Amsterdamer sehr beneidet darum, wie sie bauen können. Sie geben nämlich einer Arbeiterfamilie drei, vier, wenn sie kinderreich ist, selbst fünf Räume! Das können wir leider nicht.“Otto Bauer, 1928
Auch im Nachhinein muss sich die Stadt Wien noch einiges an Kritik gefallen lassen. Beanstandet werden vor allem die relativ kleinen Grundrisse der neuen Wohnungen. In der schweizerischen Zeitschrift für Wohnungswesen schreibt der Architekt Heinrich Peter von „Mietskasernen“ mit 4, 5, 6, zum Teil sogar 8 Geschossen und Wohnungsgrößen von 38 bis 48 Quadratmetern. „Es ist daher klar, dass sich aus dieser Bau- und Wohnform eine für uns ungewohnte Wohndichtigkeit erzieht, die vom Kongress mehrheitlich bestimmt abgelehnt wurde.“
In Wien ist man einigermaßen „verschupft“. Die Gemeinde plant auch in weiterer Folge nicht, klassische „Gartenstädte“ in Auftrag zu geben, allerdings werden im Rahmen des zweiten Wohnbauprogramms einzelne große Siedlungsprojekte, wie die Wohnsiedlung Lockerwiese oder die Siedlung Am Tivoli errichtet. Auch der große George-Washington-Hof „war die bauliche Antwort auf die Kongreßkritik – ein hybrides Mittelding zwischen einer Gartenstadt und einem kleinteilig gestalteten Stockwerkhaus“, so Helmut Weihsmann 2002.

George-Washington-Hof, Birkenhof © Wien Museum Inv.-Nr. 59161/588
In weiten Kreisen der Sozialdemokratischen Arbeiterparteiist die Skepsis gegen den Kleinhausbau weiterhin groß. In solchen Kleinhaussiedlungen, so die Befürchtung, würde „der Arbeiter“ unweigerlich zum „Spießbürger“ mutieren. Auch Bürgermeister Karl Seitz schwärmt schon 1924 von großen Anlagen „in denen Menschen in Massen zusammenleben“. Denn: „Wir wollen unsere Jugend nicht zu Individualisten, zu Einzelgängern erziehen, sie sollen in Geselligkeit aufwachsen und zu Gemeinschaftsmenschen erzogen werden.“
Das Modell der „Gartenstadt“ wird sich in Wien nicht durchsetzen.