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Aktuelle Seite: Die Arbeiter-Kicker
0237 | 30. SEPTEMBER 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Die Arbeiter-Kicker


Am 25. Oktober 1931 erscheint in der Arbeiter-Zeitung ein Artikel mit dem Titel „Fünf Jahre Arbeiterfußball­bewegung“. Der Autor ist Franz Putzendopler, Vorsitzender des Verbandes der Arbeiterfußball­vereine Österreichs.

Zu Beginn der 1930er-Jahre ist der Fußballsport schon längst ein etablierter Volks- und Massensport, der eng mit der Arbeiterschaft verbunden ist. Die Zeiten, in denen die Obrigkeit, aber auch das Elternhaus jungen Fußballbegeisterten allerhand Steine in den Weg legten, ist allerdings noch in bester Erinnerung.

Die Anfänge des Fußballs in Österreich sind jedoch „bürgerlich“ und gehen auf britische Landschaftsgärtner zurück, die zur Pflege der auf der Hohen Warte befindlichen „Rothschildgärten“ nach Wien geholt worden waren. Gemeinsam mit einer Gruppe einheimischer Fußballenthusiasten gründen sie am 22. August 1894 den „I. Vienna Football Club“.

Noch etwas früher, seit 1892, ist der ebenfalls von britischen Expatriates gegründete „Vienna Cricket Club“ aktiv, der zu Beginn allerdings nur Cricket spielt und ab 1894 ebenfalls eine Fußball-Sektion unterhält. Dritter im Bunde der Frühstarter ist der 1897 von jüdischen Großbürgern ins Leben gerufene Wiener Athletiksport-Club (WAC), ein im Prater angesiedelter „Nobelverein“.

Beginn der Kommerzialisierung

Bei der Popularisierung des Fußballs spielt das durch die Arbeiterbewegung und die Gewerkschaften erkämpfte Recht auf Freizeit – acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Erholung lautet die Parole – eine bedeutende Rolle. Mit der Emanzipation der Arbeiterschaft entstehen die ersten, ideologisch an der Sozialdemokratie orientierten Arbeitersportvereine, die zunächst vor allem Turnen und Schwerathletik betreiben, und sich nach und nach auch anderen Sportarten öffnen.

Bereits um 1900 sind in den proletarisch geprägten Vororten die ersten „wilden“ Fußballvereine aktiv, deren Mitglieder sich oft aus dem Milieu der tschechischen Zuwanderer rekrutieren. Der erste dieser Klubs ist der 1897 auf der Schmelz gegründete „Erste Wiener Arbeiter Fußball-Club“, aus dem 1899 der SC Rapid hervorgeht.

Vereine wie Rapid, Graphia, Victoria oder der Floridsdorfer AC steigen bald zu ernsthaften Konkurrenten der „alteingesessenen“ Vereine wie den Kricketers, der Vienna oder des WAC auf.


Trotz der „proletarischen“ Herkunft dieser Vereine sind ihre Funktionäre und Mäzene zumeist „Bürgerliche“ – lokale Gewerbetreibende, Gastronomen, Fabriksbesitzer – mit konkreten wirtschaftlichen Interessen. Rapid etwa ist seit 1903 in der höchsten Spielklasse zu Hause und gemeinsam mit den „bürgerlichen“ Klubs nehmen die Rapidler, aber auch der Simmeringer Sport-Club, der Floridsdorfer AC oder der in Favoriten beheimatete Sportclub Rudolfshügel 1911/1912 an der ersten österreichischen Meisterschaft der 1. Klasse teil.

Arbeiterfußballklubs im engeren Sinn gibt es zu diesem Zeitpunkt erst wenige, zumeist kleine, „unterklassige“ Vereine. Eine „politische Positionierung“ ist den Vereinen nach den Statuten des Österrei­chischen Fußballverbands (ÖFV) dezidiert untersagt. Mit zunehmender Beliebtheit des Fußballsports und der mit den Besucherzahlen steigenden Einnahmen gerät das Ideal des Amateurismus bald gehörig ins Wanken. Obwohl nach den Statuten des ÖFV ausdrücklich verboten, beginnen die großen Vorstadtvereine ihre wichtigsten Spieler verdeckt zu bezahlen oder von anderen Vereinen abzuwerben.

Arbeiter- vs. Profisportler

Der Weltkrieg bedeutet auch hier eine schmerzliche Zäsur, weil er vor allem die Zahl der jüngeren Männer deutlich dezimiert. 1919 versammelten sich die sozialdemokratischen Arbeitersportvereine unter dem Dach des „Verbands der Arbeiter- und Soldaten­sportvereine“ (VAS), der sich 1924 zum „Arbeiterbund für Sport und Körperkultur in Österreich“ (ASKÖ) umbenennt. Die Arbeiterfußballer bleiben im überparteilichen ÖFV organisiert, treten aber zusätzlich auch dem VAS bei. Von den Vereinen der obersten Spielklasse sind dies der FAC, die 1905 in Floridsdorf gegründete Admira, der SpC Rudolfshügel, die Hertha aus Favoriten, der SC Wacker aus Meiling und der Simmeringer Sport-Club, nicht aber der erfolgreichste Vorstadtverein, Meister Rapid.

In der Generalversammlung des Fußballverbandes 1919 bilden die Arbeitervereine jedenfalls die Mehrheit. „Diese Mischung von bürgerlichen und Arbeitersportvereinen konnte aber nur ein vorübergehender Zustand sein“, schreibt Verbandsvorsitzender Franz Putzendopler 1931. Die sportlich bestimmenden und finanzstarken Klubs sind zwar in der Minderheit, streben aber eine weitere Professionalisierung – und damit auch Kommerzialisierung – des populären Massensports an.

Trennung

In der Frage, ob Österreich ein Team zur 1. Arbeiter-Olympiade nach Frankfurt entsenden soll, kommt es schließlich zum Bruch. Die in der Mehrheit befindlichen Amateurvereine treten aus dem ÖFV aus, die verbliebenen Profiklubs gründen den „Allgemeinen Österreichischen Fußballbund“ (AÖFB, heute ÖFB), die Arbeiterfußballer schließen sich am 7. März 1926 im Verband der Amateur­fußballvereine Österreichs (VAFÖ) zusammen. Spiele gegen Profiklubs bleiben den Arbeiterfußballern ausdrücklich untersagt, nach den Beschlüssen des Linzer Partei­tags vom November 1926 ist sogar die Zugehörigkeit zu einem „bürgerlichen“ Verein mit der Parteimitgliedschaft unvereinbar.

Von gegnerischer Seite werden die Arbeitervereine zunächst belächelt, anfängliche Probleme werden jedoch rasch überwunden. So gelingt es den Arbeiter­fuß­ballern etwa, eine ganze Reihe neuer Sportanlagen zu erwerben bzw. auszubauen. 1927 zählt der VAFÖ 403 Vereine mit rund 10.000 Mitgliedern und verfügt über ein eigenes Verbandsorgan, den „Amateur-Fußball“. Weitere Verstärkung erhält der VAFÖ durch einige Klubs, wie dem FavAC oder dem SpC Rudolfshügel, die aufgrund von Finanz­nöten wieder zum Amateurismus zurückkehren müssen.

Auf der anderen Seite wechseln viele gefragte Spieler mit der Zeit zu den Profivereinen. Nicht weniger als neun Spieler des österreichischen „Wunderteams“ (1931–1933) stammen ursprünglich aus Arbeiterfußballvereinen.

Triumpf und Ende

Der VAFÖ richtet zwischen 1925/1926 und 1933/1934 in allen Bundesländern Meisterschaften und auch Cupwettbewerbe aus. Die erfolgreichsten Wiener Arbeiterfußballvereine sind die SC Gaswerk (drei Meistertitel), SC Red Star Wien (zwei Meistertitel und zweimaliger Cupsieger) und der SPC Helfort Wien (ein Meistertitel, einmal Cupsieger).

Zum fünfjährigen Verbandsjubiläum ist der Arbeiterfußballsport in Österreich bereits eine fixe Größe – und international höchst erfolgreich. Die VAFÖ-Auswahl geht aus der Arbeiter-Olympiade, an der Fußballer aus 14 Staaten, von Finnland bis nach Palästina teilnehmen, als Sieger hervor und gewinnt das Endspiel gegen Deutschland im neu eröffneten Wiener Praterstadion am 26. Juli 1931 vor 60.000 Zuschauern mit 3:2.

Franz Putzendopler schließt seinen Rückblick in der Arbeiter-Zeitung mit einem Aufruf an „alle jene Parteigenossen, die bisher noch nicht die Erkenntnis von der Bedeutung einer eigenen Arbeiterfußballsportorganisation gewonnen haben“, endlich auch „in unsere Reihen“ zu treten. Denn: „Wir dienen weiter wie bisher der körperlichen und geistigen Erziehung der Arbeiterjugend zur Verteidigung der gesamten Rechte des Proletariats.“

Nach den Februarkämpfen 1934 und dem Untergang des Roten Wien werden die laufenden Meisterschafts- und Cupbewerbe abgebrochen, einige VAFÖ-Klubs vorübergehend liquidiert und ihr Klubvermögen beschlagnahmt.

Die meisten Vereine treten im Laufe des Jahres 1934 dem Wiener Fußballverband (WFV) bei und nehmen in der darauffolgenden Saison wieder am regulären Spielbetrieb teil.

Literatur: Hubert Dürr, Die Sozialgeschichte des Fußballspiels in Österreich (1896 bis 1911), 1990; Matthias Marschik, „Wir spielen nicht zum Vergnügen“. Arbeiterfußball in der Ersten Republik, 1994; Josef Huber, 75 Jahre Wiener Fußball Verband, 1998; Wolfgang Maderthaner u.a. (Hrsg.), Die Eleganz des runden Leders, 2008.