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Aktuelle Seite: Humor als Waffe
0245 | 18. DEZEMBER 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Humor als Waffe


Am 18. Dezember 1926 findet in den Pan-Künstlerspielen in der Riemergasse die Eröffnungsvorstellung des „Politischen Kabaretts“ statt.

Ausgehend von komödiantisch-satirischen Aufführungen im Rahmen der Ferienkolonien der Vereinigung sozialistischer Mittelschüler gründen linke Studenten, Schüler und Arbeiterjugendliche im Herbst 1926 die „Sozialistische Veran­staltungs­gruppe“, deren Spott sich zunächst gegen den als zu kompromissbereit angesehenen rechten Parteiflügel richtet und der innerparteilichen linken Opposition Auftrieb geben soll.

Die führenden Köpfe der Gruppe sind Ludwig Wagner und Paul F. Lazarsfeld, Gründer der Vereinigung sozialistischer Mittelschüler und beide zu Beginn der 1930er-Jahre an der Studie „Die Arbeitslosen von Mariental“ beteiligt – Lazarsfeld als deren Initiator.

Die Eröffnungsvorstellung des „Politische Kabaretts“, später als „Urkabarett“ bezeichnet, ist ein voller Erfolg, auch wenn sich die Begeisterung einiger aufs Korn genommener Parteigranden in Grenzen hält. Andere erkennen, dass sich diese Art von Satire auch als Waffe gegen den politischen Gegner eignet. Das sozialistische „Politische Kabarett“ ist geboren, mit Viktor Grünbaum (Victor Gruen), Ludwig Wagner und anderen jungen Rebellen als Autoren. 

Den Gegner verlachen

Das „Politische Kabarett“ entwickelt sich rasch zu einem schlagkräftigen Propagandainstrument und wird bald in das Programm der Sozialdemokratischen Kunststelle aufgenommen. Das Autorenkollektiv besteht neben Grünbaum und Wagner aus Robert Ehrenzweig (Robert Lucas), Karl Bittmann und Edmund Reismann, dem späteren Leiter der „Roten Spieler“. 1929 stößt der erst 17jährige Jura Soyfer zur Truppe. Zwischen 1927 und 1933 werden die konservative Bundesregierung und ihre rechten Handlanger in insgesamt 13 Programmen, die aus einer losen, revueartigen Reihe von thematisch nur locker zusammenhängenden Szenen, Liedern und Conférencen bestehen, an den Pranger gestellt und – noch viel schlimmer – der Lächerlichkeit preisgegeben. Spielort sind die „Pan-Spiele“ in der Riemergasse 11.

Das „Politische Kabarett“, das talentierten jungen Schauspielern und Intellektuellen eine Bühne bietet, erschließt sich ein neues Publikum und bildet bald ein ernstzunehmendes Gegengewicht zur etablierten Wiener Kleinkunst, hauptsächlich vertreten durch das „Simpl“ in der Wollzeile und die „Hölle“ im Keller unter dem Theater an der Wien, die ihrem vorwiegend bürgerlichen Publikum geistvoll-amüsante, aber harmlose Unterhaltung präsentieren und die gewalttätigen innenpolitischen Auseinandersetzungen und den aufziehenden Faschismus ausblenden.

Noch näher an der Zielgruppe werben auch die „Blaue Blusen"-Gruppen – benannt nach der uniformartigen Kleidung der Sozialistischen Arbeiterjugend – mit satirischen Liedern und Rezitationen für die Anliegen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei.

Die Bühne als Kampfstätte

Zu Beginn der 1930er-Jahre, als die politischen Auseinandersetzungen immer weiter eskalieren, entwickeln die Aktivisten der Partei neue Formen der satirischen Agitation. 1932 schließen Edmund Reismann und Viktor Grünbaum verschiedene Arbeiter- und Bauerntheatergruppen zur Truppe der „Roten Spieler“ zusammen, die mit insgesamt acht Gruppen an zahlreichen Orten in- und außerhalb Wiens auftreten, vorwiegend in Parteilokalen, Arbeiterheimen und in Gemeindebauten – trotz des von der Regierung Dollfuß im Frühjahr 1933 verhängten Versammlungsverbotes. Die „Roten Spieler“ orientieren sich stärker am deutschen Agitproptheater, Elemente des epischen, didaktisch-belehrenden Theaters von Bert Brecht und Erwin Piscator treten in den Vordergrund. Pathos verdrängt die leichtfüßige Satire, die Bühne wird zur politischen Kampfstätte.

Ob das, was wir schaffen, Kunst ist oder nicht, das ist uns gleichgültig. Wir dienen nicht der Kunst, sondern der Propaganda.Jura Soyfer

Robert Ehrenzweigs Zeitschrift „Die politische Bühne“, herausgegeben von der Sozialistischen Veranstaltungsgruppe Wien, die die „Tourneen“ der neu entstandenen Gruppen koordiniert, fungiert als das offizielle Organ der „Roten Spieler“. Auch Jura Soyfer verfasst mehrere Artikel für „Die Politische Bühne“. Darin fordert er den Verzicht auf Ablenkung und bloße Zerstreuung und plädiert für eine Politisierung des Theaters.

Das Mittelstück

Nach dem gewaltsamen Ende der Demokratie im Februar 1934 ist das Kabarett noch lange nicht tot. Trotz behördlicher Schikanen und unter geschickter Umgehung der Zensur setzt sich „Der liebe Augustin“ im Keller des Café Prückl weiterhin mit den politischen Umständen auseinander. Mitwirkende sind neben der Gründerin Stella Kadmon später bekannte Schauspieler wie Leo Askenasy (Leon Askin), Herbert Berghof, Fritz Muliar, Gusti Wolf oder Fritz Eckhardt sowie der 1942 in Auschwitz ermordete „Hausdichter“ Peter Hammerschlag, ein begnadeter „Blitzparodist“ und Conférencier.

In Anfang war – das ist bestimmt –
DER WORT. Auf griechisch: Logosch.

In Weltmeer ist herumgeschwimmt
Die Ur-Getier, das Fogosch.
Aus: „Die ungarische Schöpfungsgeschichte“, Peter Hammerschlag

Hugo F. Koenigsgarten und der vor Hitler nach Österreich geflüchtete Gerhart Hermann Mostar verfassen für den „Lieben Augustin“ theaterartige Einakter und sogenannte Mittelstücke, knappe Szenenfolgen, die von kabarettistischen Nummern und Chansons begleitet werden. Jura Soyfer wird dieses Genre in seiner kurzen Schaffenszeit perfektionieren. 1935 macht der Schriftsteller Hans Weigel ihn mit Leo Askenasy bekannt, der für die Kleinkunstbühne ABC in der Porzellangasse als Schauspieler und Regisseur tätig ist.

Soyfer wird bald „Hausautor“ des ABC. In seinen Theaterstücken und Sketches – wie „Der Weltuntergang oder die Welt steht auf kein' Fall mehr lang“, „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“ (beide 1936), „Astoria“ und „Vineta“ (beide 1937) – warnt Soyfer in parabel- und märchenhafter Weise vor der drohenden Gefahr des Faschismus und greift immer wieder aktuelle Probleme, wie die Arbeitslosigkeit, auf. Der genialische junge Dichter, der erst als Teenager Deutsch lernt, steht ganz in der Tradition von Johann Nestroy, Ödön von Horvath oder Georg Büchner – und bleibt dennoch völlig eigenständig.

Nach dem sogenannten Anschluss ist allerdings Schluss mit lustig. Viele der linken Schauspieler und Regisseure emigrieren ins Ausland, andere werden Opfer des Nationalsozialismus. Jura Soyfer wird beim Versuch, die Grenze zur Schweiz zu überqueren, verhaftet. Er stirbt am 16. Februar 1939 im KZ Buchenwald.

Die „Pan-Spiele“ in der Riemergasse verkommen in den 1970er-Jahren zum Sexkino „Rondell“, seit 1993 ist der Jazzclub Porgy & Bess hier beheimatet.

Literatur: Friedrich Scheu, Humor als Waffe, Politisches Kabarett in der Ersten Republik, 1977; Otto Rainer und Walter Rösler, Kabarettgeschichte. Abriß des deutschsprachigen Kabaretts, 1981; Horst Jarka, Jura Soyfer. Leben – Werk – Zeit, 1987; Herbert Staud: Die Wiener Kleinkunst der Zwischenkriegszeit im Widerstand gegen den Faschismus, 2002; Clemens Drössler, Politisches Kabarett. Wirkung und Wechselwirkung zwischen politischen Ereignissen und dem künstlerischen Repertoire des Kabarettisten am Beispiel Österreichs, Diplomarbeit 2008.