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Aktuelle Seite: Schlichte Größe
0242 | 7. NOVEMBER 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Schlichte Größe


Am 7. November 1926 wird das Grabmal von Victor Adler und Engelbert Pernerstorfer am Wiener Zentralfriedhof enthüllt. Es befindet sich nicht zufällig in unmittelbarer Nähe zum Denkmal der Märzgefallenen von 1848.

Beide Denkmäler gehören zusammen und ergänzen sich. Der Obelisk erinnert an den ersten Kampf von 1848 um den bürgerlichen Staat, an die steckengebliebene demokratische Entwicklung des alten Habsburgerstaates, das Grabdenkmal unserer beiden großen Vorkämpfer krönt die Vollendung der Demokratie, schreibt die Arbeiter-Zeitung tags darauf.

In seiner Ansprache geht Bürgermeister Karl Seitz auf die Frage ein, warum das Denkmal erst acht Jahre nach Victor Adlers Tod errichtet wurde: Ein Denkmal, das zum Ausdruck bringen sollte, was wir für beide empfinden, [...] das könnte nur ein ganz großes Kunstwerk sein, das Werk eines der größten Meister der Zeit.

Den Auftrag zur Gestaltung des Grabmals hatte der Otto-Wagner-Schüler Hubert Gessner erhalten, den seit der Errichtung des Arbeiterheims Favoriten in der Laxenburger Straße in den Jahren 1901/02 eine persönliche Freundschaft mit dem Führer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei verband. Gessner wird mit der Zeit gleichsam zum „Hausarchitekten“ der SDAP, errichtet noch vor dem Weltkrieg das Vorwärtshaus, diverse Gebäude für den Konsum-Verein, Fabrikanlagen, wie etwa die „Hammerbrotwerke“, die ein Symbol für den Aufstieg und die Stärke der sozialdemokratischen Verbrauchergenossenschaften darstellen, und, im Roten Wien, eine Reihe ikonischer Gemeindebauten, wie den Reumannhof, den Lassallehof oder den späteren Karl-Seitz-Hof.

Gessners Talent besteht darin, für die Arbeiterbewegung neue architektonische Lösungen zu finden, die nicht nur funktional, sondern auch repräsentativ und, der Forderung Adlers nach dem „Recht der Arbeiter auf Schönheit“ folgend, ästhetisch anspruchsvoll sind.

Genau das gelingt ihm auch bei der Grabstätte am Zentralfriedhof, deren klare Formen in Verbindung mit den dekorativ angeordneten Metallverzierungen und den beiden flachen, steinernen Blumenschalen einen Eindruck von Ruhe und schlichter Größe vermitteln.


Neben den zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbenen Jugendfreunden Victor Adler (1918) und Engelbert Pernerstorfer (1918) werden später auch Victors Sohn Friedrich Adler (1960), der im Pariser Exil verstorbene Parteitheoretiker Otto Bauer (1938), dessen Frau Helene (geb. Gumplowicz, 1942) und – 1950 auf persönlichen Wunsch – der frühere Bürgermeister Karl Seitz in diese „sozialdemokratische Grabstätte“ einziehen.